Blogbeitrag: OTC Beratung Apotheke: Wie aus Produktwissen echte Beratungskompetenz wird

Pharma-Außendienst im fachlichen Austausch mit einem Apothekenteam zur OTC-Beratung

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Warum Pharma-Außendienst und Apothekenteams heute mehr brauchen als eine klassische Produktschulung

Wer im OTC-Markt erfolgreich sein will, braucht gute Produkte, eine klare Positionierung und eine starke Präsenz in der Apotheke. Doch ein weiterer Faktor rückt stärker in den Mittelpunkt: die Qualität des Beratungsgesprächs.Eine aktuelle Civey-Befragung im Auftrag von Pharma Deutschland liefert dafür einen interessanten Hinweis. Unter 5.000 Befragten nannten im September 2026 38,8 Prozent die Beratung in der Apotheke als Einfluss auf ihre Kaufentscheidung bei rezeptfreien Arzneimitteln. Damit wurde die Apothekenberatung häufiger genannt als der Preis mit 28,0 Prozent. Noch häufiger spielten eigene Erfahrungen mit 48,7 Prozent eine Rolle. 35,4 Prozent nannten eine ärztliche Empfehlung.Quelle: Pharma DeutschlandDiese Zahlen sind für OTC-Hersteller relevant. Gleichzeitig müssen sie richtig eingeordnet werden: Die Befragung zeigt, welche Faktoren Menschen nach eigener Einschätzung beeinflussen. Sie beweist nicht, dass Beratung unter realen Bedingungen einen bestimmten messbaren zusätzlichen Abverkauf verursacht.Trotzdem verweist das Ergebnis auf eine zentrale Frage für Pharmaunternehmen:

Was passiert eigentlich zwischen Produktwissen und der konkreten Empfehlung am HV-Tisch?

Genau hier liegt ein häufig unterschätztes Entwicklungsfeld für den Apothekenaußendienst.

Denn selbst ein fachlich gut geschultes Apothekenteam muss in wenigen Minuten erkennen, was eine Kundin oder ein Kunde benötigt, relevante Informationen erfragen, Nutzen verständlich erklären, mögliche Risiken berücksichtigen und gegebenenfalls feststellen, dass Selbstmedikation an ihre Grenzen kommt.

Produktschulung bleibt wichtig. Sie allein bildet diesen Prozess jedoch nicht vollständig ab.

Für OTC-Unternehmen entsteht daraus eine strategische Aufgabe: Der Außendienst muss nicht nur Informationen über ein Produkt vermitteln können. Er braucht die Kompetenz, Apothekenteams dabei zu unterstützen, dieses Wissen in sichere und verständliche Beratung zu übersetzen.

Die Apotheke bleibt ein zentraler Ort der Selbstmedikation

OTC-Arzneimittel gehören fest zur Gesundheitsversorgung in Deutschland. Nach Angaben der ABDA werden jährlich etwa 550 Millionen Packungen rezeptfreier Medikamente über öffentliche Apotheken abgegeben. Die ABDA bezeichnet die Beratung zu nicht verschreibungspflichtigen Arzneimitteln ausdrücklich als eine essenzielle Aufgabe öffentlicher Apotheken.

Quelle: ABDA – Selbstmedikation

Dabei geht es um weit mehr als die Auswahl zwischen verschiedenen Produkten.

In der Selbstmedikation muss das Apothekenpersonal unter anderem einschätzen, ob die Beschwerden grundsätzlich für eine Selbstbehandlung geeignet sind, ob ein gewünschtes Arzneimittel zur jeweiligen Situation passt und wann eine ärztliche Abklärung notwendig ist.

Diese Verantwortung ist auch regulatorisch verankert. § 20 der Apothekenbetriebsordnung verlangt bei der Arzneimittelberatung unter anderem die Berücksichtigung der Arzneimittelsicherheit. Bei Selbstmedikation soll festgestellt werden, ob das gewünschte Arzneimittel für die vorgesehene Person geeignet erscheint oder wann ein Arztbesuch anzuraten ist.

Quelle: Apothekenbetriebsordnung § 20

Damit wird deutlich: Ein OTC-Beratungsgespräch ist kein einfacher Verkaufsvorgang.

Es ist ein fachliches Gespräch, in dem pharmazeutische Kompetenz und kommunikative Kompetenz zusammenkommen.

Für Hersteller ist diese Unterscheidung entscheidend. Denn der Pharma-Außendienst trifft auf hoch qualifizierte Gesprächspartner in den Apotheken. Seine Aufgabe besteht nicht darin, deren pharmazeutische Entscheidung zu ersetzen. Sein Mehrwert kann vielmehr darin liegen, relevantes Produktwissen so aufzubereiten und zu vermitteln, dass es im Beratungsalltag schnell, verständlich und situationsgerecht eingesetzt werden kann.

Beratung wird dort wertvoll, wo Sicherheit gefragt ist

Besonders interessant an der Civey-Befragung ist deshalb nicht nur der Vergleich von Beratung und Preis.

Die Befragten wurden auch gefragt, zu welchen Themen sie sich mehr Informationen wünschen. 37,3 Prozent nannten Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln, 32,0 Prozent Nebenwirkungen und Risiken. 18,7 Prozent wollten mehr darüber wissen, wann ein Arztbesuch erforderlich ist. Wenn Beratung gewünscht wird, bevorzugen 47,5 Prozent das persönliche Gespräch.

Beratung bei OTC-Produkten ist häufig Sicherheitskommunikation.

Der Kunde möchte nicht nur wissen, welches Produkt verfügbar ist. Je nach Situation entstehen weitere Fragen:

Passt das Präparat zu meinen Beschwerden? Wie wende ich es richtig an? Was muss ich beachten? Verträgt es sich mit meinen anderen Medikamenten? Wie lange kann ich mich selbst behandeln? Und wann sollte ich besser mit einer Ärztin oder einem Arzt sprechen?

Gute OTC-Kommunikation muss deshalb zwei Anforderungen gleichzeitig erfüllen. Sie muss fachlich korrekt sein und sie muss komplexe Informationen so vermitteln, dass sie in einer konkreten Alltagssituation verstanden werden können.

Gerade diese Übersetzungsleistung ist trainierbar.

Produktwissen ist notwendig. Beratungskompetenz entsteht aber erst im Gespräch

In vielen OTC-Organisationen haben Produktschulungen einen hohen Stellenwert. Wirkweise, Indikation, Anwendung, Differenzierung, Studienlage und Argumentation werden intensiv vermittelt.

Das ist sinnvoll. Ohne belastbares Produktwissen kann niemand qualifiziert über ein Präparat sprechen.

Doch Wissen und Anwendung sind nicht dasselbe.

Eine Mitarbeiterin in der Apotheke kann sehr genau wissen, wodurch sich zwei Präparate unterscheiden. Im realen Beratungsgespräch muss sie trotzdem innerhalb kurzer Zeit herausfinden, welche Information für genau diesen Kunden relevant ist.

Das verändert die Anforderungen.

Nicht die Menge an Informationen entscheidet über die Qualität des Gesprächs. Entscheidend ist zunächst die Qualität der Bedarfsermittlung.

Wer sitzt vor mir? Welche Beschwerden liegen vor? Wie lange bestehen sie bereits? Was wurde schon ausprobiert? Werden weitere Arzneimittel eingenommen? Gibt es Begleiterkrankungen oder besondere Situationen? Welche Erwartungen hat die Person?

Die Bundesapothekerkammer greift genau diese Logik in ihren Leitlinien zur Selbstmedikation auf. Dort wird betont, dass ausreichend Informationen gesammelt werden müssen, um beurteilen zu können, ob Selbstmedikation verantwortbar ist oder ein Arztbesuch angeraten werden sollte.

Als mögliche Grenzen nennt der Kommentar unter anderem Alter, unklare Beschwerden, Art und Dauer der Symptome, weitere Erkrankungen, unerwünschte Arzneimittelwirkungen, möglichen Arzneimittelmissbrauch sowie Schwangerschaft und Stillzeit.

Quelle: Bundesapothekerkammer – Leitlinie Selbstmedikation

Auch strukturierte Fragesysteme wie das WWHAM-Schema folgen diesem Gedanken. Gefragt wird unter anderem danach, für wen das Arzneimittel bestimmt ist, welche Symptome bestehen, wie lange sie bereits vorhanden sind, was bisher unternommen wurde und welche weiteren Medikamente eingenommen werden.

Für den OTC-Außendienst bedeutet das: Eine Schulung sollte nicht bei der Frage enden, was das Produkt kann.

Die nächste Frage lautet:

 

In welcher Beratungssituation ist welche Information relevant und welche Fragen führen dorthin?

Der direkte Produktwunsch ist kommunikativ besonders interessant

Eine Kundin betritt die Apotheke und sagt: „Ich hätte gerne Produkt X.“

Auf den ersten Blick scheint diese Situation einfacher als eine offene Symptombeschreibung.

In Wirklichkeit kann das Gegenteil der Fall sein.

Eine systematische Übersichtsarbeit zur Beratung bei nicht verschreibungspflichtigen Arzneimitteln kam zu dem Ergebnis, dass Beratungsgespräche tendenziell besser verliefen, wenn Kundinnen und Kunden Symptome schilderten, als wenn sie direkt ein bestimmtes Produkt verlangten.

Quelle: PubMed

Auch qualitative Forschung zum Informationsaustausch bei OTC-Konsultationen zeigt, dass Menschen bei einem konkreten Produktwunsch teilweise weniger bereit sind, zusätzliche Informationen auszutauschen. Gleichzeitig unterschätzen Verbraucher möglicherweise Risiken rezeptfreier Medikamente oder sehen nicht unmittelbar, warum weitere Fragen notwendig sind.

Quelle: PubMed

Genau hier zeigt sich, warum kommunikative Kompetenz relevant ist.

Eine Frage wie „Für wen ist das Präparat?“ kann fachlich erforderlich sein. Sie kann beim Gegenüber aber trotzdem Irritation auslösen, wenn der Grund für die Frage nicht erkennbar ist.

Professionelle Gesprächsführung verbindet deshalb Bedarfsermittlung mit Transparenz.

Nicht nur fragen, sondern gegebenenfalls kurz erklären, warum die Information wichtig ist.

Nicht einen Fragenkatalog abarbeiten, sondern ein Gespräch führen.

Nicht vorschnell argumentieren, sondern zunächst verstehen.

Das klingt selbstverständlich. Unter Zeitdruck, bei wiederkehrenden Standardsituationen und bei Kundinnen und Kunden mit klar formuliertem Produktwunsch ist es in der Praxis jedoch anspruchsvoll.

Wie relevant diese Bedarfsermittlung sein kann, zeigt eine deutsche Untersuchung

Eine deutsche Studie untersuchte 12.567 Kontakte zur Selbstmedikation in öffentlichen Apotheken. In 17,6 Prozent der dokumentierten Kontakte identifizierten die beteiligten Apothekerinnen und Apotheker arzneimittelbezogene Probleme.

Zu den häufigsten gehörten Situationen, in denen Selbstmedikation nicht angemessen war, das gewünschte Produkt nicht geeignet erschien oder die vorgesehene Anwendungsdauer zu lang war. Bei identifizierten Problemen gehörten die Empfehlung eines Arztbesuchs und der Wechsel zu einem besser geeigneten Arzneimittel zu den häufigsten Interventionen.

Quelle: Eickhoff et al., Pharmacoepidemiology and Drug Safety

Die Studie stammt aus einem früheren Zeitraum und darf nicht einfach als aktuelle Häufigkeitsmessung für jede heutige Apotheke interpretiert werden.

Ihre Bedeutung liegt an einer anderen Stelle:

Sie zeigt, dass sich hinter einem scheinbar einfachen OTC-Wunsch relevante Fragestellungen verbergen können, die erst durch qualifizierte Bedarfsermittlung sichtbar werden.

Das ist der Punkt, an dem ein modernes Apothekentraining ansetzen sollte.

Nicht bei einem mechanischen Gesprächsschema, sondern bei der Fähigkeit, fachlich relevante Fragen in ein natürliches Beratungsgespräch einzubauen.

Nutzenkommunikation bedeutet nicht, möglichst viele Produktvorteile aufzuzählen

Nach der Bedarfsermittlung folgt ein zweiter entscheidender Schritt: Informationen müssen verständlich gemacht werden.

Gerade Pharmaunternehmen verfügen über umfangreiche medizinische, wissenschaftliche und produktbezogene Informationen. Außendienstmitarbeitende kennen häufig eine Vielzahl an Eigenschaften, Differenzierungsmerkmalen und Argumenten.

Doch im Beratungsgespräch gilt selten: mehr Information gleich bessere Kommunikation.

Eine zentrale Frage lautet vielmehr:

Welche Information hilft diesem Menschen jetzt bei einer guten Entscheidung und einer sicheren Anwendung?

Das erfordert eine andere Form der Nutzenkommunikation.

Statt Produktmerkmale nur zu benennen, werden sie mit der konkreten Situation verbunden. Fachbegriffe werden dort erklärt, wo sie notwendig sind. Informationen werden priorisiert. Wesentliches wird von Ergänzendem getrennt.

Das ist auch mit Blick auf Gesundheitskompetenz relevant.

Eine systematische Übersichtsarbeit zu Arzneimittelinformationen für Menschen mit niedriger Gesundheitskompetenz zeigt, dass schwer verständliche Informationen zu Problemen beim Verständnis von Dosierung, Dauer, Häufigkeit, Warnhinweisen und weiteren Medikamenteninformationen beitragen können. In der Übersichtsarbeit waren insbesondere personalisierte und leicht zugängliche Informationen sowie zusätzliche unterstützende Hilfen mit Verbesserungen des Arzneimittelwissens verbunden.

Quelle: Wali et al.

Für den OTC-Außendienst lässt sich daraus kein simples Kommunikationsrezept ableiten. Es lässt sich aber eine klare Entwicklungsrichtung formulieren:

Fachwissen muss adressatengerecht übersetzt werden.

Ein Außendiensttraining sollte deshalb nicht nur fragen: „Welche Argumente kennen unsere Mitarbeitenden?“

Es sollte auch fragen:

„Können sie Apothekenteams dabei unterstützen, aus diesen Informationen kurze, verständliche und situationsbezogene Erklärungen für unterschiedliche Beratungssituationen zu entwickeln?“

Die Grenze der Selbstmedikation gehört zur Beratungskompetenz

Eine besonders wichtige Grenze muss dabei klar bleiben.

Ein OTC-Training darf Beratung nicht auf Empfehlungsverkauf reduzieren. Eine professionelle Beratung kann auch zu dem Ergebnis führen, dass ein Präparat nicht empfohlen wird oder dass eine ärztliche Abklärung angezeigt ist. Die Leitlinie der Bundesapothekerkammer ist an dieser Stelle eindeutig: Es müssen ausreichend Informationen gesammelt werden, um entscheiden zu können, ob Selbstmedikation verantwortbar ist. Sind ihre Grenzen überschritten, soll zu einem Arztbesuch geraten werden.

Diese Kompetenz gehört daher ausdrücklich in praxisnahe Beratungstrainings.

Für OTC-Hersteller entsteht daraus kein Widerspruch zu wirtschaftlichen Interessen. Im Gegenteil: Wer Apotheken als langfristiger fachlicher Partner begegnen möchte, sollte die heilberufliche Verantwortung des Apothekenteams konsequent respektieren.

Der Außendienst sollte deshalb nicht trainieren, wie möglichst jede Situation in eine Produktempfehlung überführt wird.

Er sollte dazu beitragen, dass relevante Produktinformationen sicher eingeordnet werden können und Apothekenteams in ihren Beratungsgesprächen professionell unterstützt werden.

Das stärkt Glaubwürdigkeit.

Was bedeutet das für den modernen OTC-Außendienst?

Für Vertriebsleitungen stellt sich damit eine strategische Frage:

 

Welche Rolle soll der Außendienst in Zukunft in der Apotheke spielen?

Wenn sein Mehrwert hauptsächlich darin besteht, Produktinformationen zu wiederholen, entstehen schnell Überschneidungen mit anderen Informationskanälen. Produktinformationen können heute über Websites, digitale Lernplattformen, Webinare, Fachportale und zahlreiche weitere Formate bereitgestellt werden.

Der persönliche Außendienstkontakt hat eine andere Stärke.

  • Er kann Interaktion ermöglichen.
  • Er kann Fragen stellen.
  • Er kann Situationen aus dem Apothekenalltag aufgreifen.
  • Er kann gemeinsam mit einem Team Gesprächsfälle bearbeiten.
  • Er kann beobachten, wo Produktwissen vorhanden ist, aber die Übertragung in eine konkrete Beratungssituation schwerfällt.
  • Und er kann gemeinsam mit dem Apothekenteam Formulierungen und Gesprächswege entwickeln.

Damit verändert sich das Kompetenzprofil vom reinen Informationsvermittler stärker in Richtung eines beratenden, aktivierenden Gesprächspartners.

Das bedeutet nicht, dass jeder Außendienstmitarbeitende zum Trainer werden muss.

Es bedeutet aber, dass Trainingskompetenz, Fragenkompetenz, verständliche Kommunikation und die Fähigkeit, kurze Lernimpulse zu gestalten, für den Apothekenaußendienst erheblich an Bedeutung gewinnen können.

Warum Rollentrainings und reale Beratungssituationen dazugehören

Wenn Beratungskompetenz entwickelt werden soll, reicht es nicht aus, darüber zu sprechen.

Gesprächsführung ist Verhalten.

Und Verhalten muss erprobt werden.

Eine systematische Übersichtsarbeit untersuchte Interventionen zur Verbesserung der Kommunikation in OTC-Beratungsgesprächen. Elf Studien erfüllten die Einschlusskriterien. In zehn Untersuchungen kamen Präsenztrainings zum Einsatz, in neun Rollenspiele. Zehn der elf Studien berichteten Verbesserungen in zumindest einzelnen beobachteten Kommunikationsverhaltensweisen. Die Autoren weisen zugleich auf methodische Einschränkungen und eingeschränkte Generalisierbarkeit hin.

Quelle: Seubert et al.

Die Aussage sollte deshalb nicht lauten: „Rollenspiele garantieren bessere OTC-Beratung.“

Die wissenschaftlich sauberere Schlussfolgerung lautet:

Aktive Lernformen, in denen Kommunikation tatsächlich geübt wird, können Kommunikationsverhalten verbessern und sind für die Entwicklung praktischer Gesprächskompetenz plausibler als reine Wissensvermittlung.

Für ein Training von Außendienstteams bedeutet das: Nicht 30 weitere PowerPoint-Folien zu Produktvorteilen, sondern reale Situationen aus dem Apothekenalltag.

Zum Beispiel:

  • Eine Kundin verlangt direkt eine bekannte Marke.
  • Ein Kunde möchte etwas gegen Beschwerden, kann diese aber nur unspezifisch beschreiben.
  • Eine Person nimmt bereits mehrere Arzneimittel ein.
  • Eine Kundin möchte möglichst schnell „etwas Starkes“.
  • Jemand hat ein Produkt bereits mehrfach verwendet, ohne dass sich die Beschwerden verbessert haben.
  • Ein Kunde stellt kritische Fragen zu Nebenwirkungen.
  • Eine Person reagiert genervt auf zusätzliche Rückfragen.

Solche Situationen machen sichtbar, wo fachliches Wissen allein nicht reicht.

Hier ein Beispiel aus unserer Trainnigspraxis. Eine individuell konzipierte E-Learning-Lernreise für den Pharmaaußendienst eines OTC-Herstellers.

 

Vom Produktschulungs-Außendienst zum Beratungspartner der Apotheke

Für OTC-Unternehmen lässt sich daraus ein weiterführendes Entwicklungsmodell ableiten.
Ein klassischer Schulungsansatz beginnt beim Produkt:Produktwissen → Produktargument → Empfehlung.Ein beratungsorientierter Ansatz beginnt beim Menschen:

Situation verstehen → Bedarf klären → fachlich einordnen → Nutzen verständlich kommunizieren → Sicherheitsaspekte berücksichtigen → nächsten sinnvollen Schritt vereinbaren.

Das Produktwissen bleibt Bestandteil des Prozesses. Es steht aber nicht mehr automatisch am Anfang des Gespräches.

Für Außendienstmitarbeitende bedeutet das zunächst eine Veränderung im eigenen Kundenkontakt. Wer Apothekenteams zu guter Bedarfsermittlung befähigen möchte, sollte selbst bedarfsorientiert arbeiten.

 

Statt mit einer vorbereiteten Präsentation zu beginnen, kann die erste Frage lauten:

„Bei welchen Kundensituationen rund um diese Indikation erleben Sie im Team aktuell die größten Herausforderungen?“

Oder:

„Bei welchen Fragen Ihrer Kundinnen und Kunden wird es in der Beratung besonders anspruchsvoll?“

Oder:

„Wo merken Sie, dass gutes Produktwissen vorhanden ist, die Empfehlung im konkreten Gespräch aber trotzdem schwierig bleibt?“

 

Damit wird aus einer Produktschulung ein relevanteres Gespräch über den Apothekenalltag.

Fünf Entwicklungsfelder für OTC-Außendienstteams

1. Bedarfsermittlung statt vorschneller Argumentation

Außendienstmitarbeitende lernen, Apothekenteams nicht sofort mit vorbereiteten Produktargumenten zu versorgen, sondern zunächst die konkrete Beratungssituation zu verstehen.

Dazu gehören Fragenkompetenz, aktives Zuhören und die Fähigkeit, zwischen einem vordergründigen Produktwunsch und dem tatsächlichen Informationsbedarf zu unterscheiden.

2. Fachwissen in verständlichen Nutzen übersetzen

Ein gutes Training arbeitet daran, medizinische und produktbezogene Informationen zu verdichten und verständlich zu formulieren.

Dabei geht es nicht um Vereinfachung um jeden Preis. Es geht darum, komplexe Zusammenhänge so präzise wie nötig und so verständlich wie möglich zu erklären.

3. Sicherheit selbstverständlich in das Gespräch integrieren

Neben Nutzen und Anwendung gehören relevante Risiken, Grenzen und gegebenenfalls die Empfehlung einer ärztlichen Abklärung zu einer verantwortungsvollen OTC-Beratung.

Die pharmazeutische Entscheidung bleibt beim qualifizierten Apothekenpersonal. Der Außendienst muss diese Grenze kennen und respektieren.

4. Apothekenteams aktivieren statt nur präsentieren

Die entscheidende Frage nach einer Schulung lautet nicht: „Was haben wir erklärt?“

Sie lautet: „Was kann das Team morgen im Beratungsgespräch anders oder sicherer tun?“

Kurze Fallarbeiten, Gesprächssimulationen, Praxisfragen und gemeinsames Formulieren sind deshalb oft wertvoller als zusätzliche Präsentationszeit.

5. Transfer in den Alltag sichern

Eine einmalige Schulung verändert nicht automatisch dauerhaftes Verhalten.

Transfer kann durch wiederkehrende kurze Lernimpulse, konkrete Praxisaufgaben, Reflexionsfragen, Follow-ups und die Arbeit mit realen Fällen unterstützt werden.

Für den Außendienst bedeutet das, Lernen nicht als einmaliges Event zu verstehen, sondern als Prozess.

Wie ein Training für OTC-Außendienstteams aufgebaut sein kann

Ein wirksames Trainingskonzept beginnt deshalb nicht mit Standardmodulen, sondern mit einer Analyse.

Welche Rolle soll der Außendienst im Apothekenkontakt übernehmen? Wie werden Apothekenteams aktuell geschult? Welche Gesprächssituationen treten besonders häufig auf? Wo bestehen bereits klare Standards? Welche Anforderungen ergeben sich aus Produktportfolio, Indikation und Positionierung?

Auf dieser Basis kann ein Training beispielsweise mit realen Beratungssituationen aus dem jeweiligen OTC-Bereich arbeiten.

Die Teilnehmenden trainieren, Situationen systematisch zu analysieren, relevante Fragen zu stellen und Produktinformationen adressatengerecht aufzubereiten.

Sie entwickeln kurze Lernimpulse für Apothekenteams.

Sie üben den Umgang mit direkten Produktwünschen, kritischen Rückfragen und unterschiedlichen Wissensständen.

Sie lernen, Nutzenkommunikation vom bloßen Aufzählen von Produkteigenschaften zu unterscheiden.

Und sie reflektieren, wo die Grenze zwischen Herstellerinformation, kommunikativem Training und pharmazeutischer Beratung liegt.

Der entscheidende Punkt ist: Das Training orientiert sich nicht an abstrakten Verkaufssituationen.

Es arbeitet mit dem tatsächlichen Alltag des Apothekenaußendienstes.

Was Vertriebsleitungen daraus ableiten können

Die aktuelle Civey-Befragung liefert keinen Beweis dafür, dass mehr Beratung automatisch zu mehr Absatz führt.

Sie zeigt aber, dass Menschen der Beratung in der Apotheke nach eigener Aussage erhebliches Gewicht bei OTC-Entscheidungen geben. Gleichzeitig zeigen pharmazeutische Leitlinien und wissenschaftliche Untersuchungen, dass Selbstmedikation eine qualifizierte Informationsgewinnung, fachliche Einordnung und verständliche Kommunikation erfordert.

Für OTC-Unternehmen ist deshalb eine andere Frage strategisch interessanter als die reine Anzahl durchgeführter Produktschulungen:

Wie gut gelingt es unserem Außendienst, Apothekenteams dabei zu unterstützen, aus Produktwissen sichere und verständliche Beratung zu machen?

Wer diese Frage konsequent verfolgt, entwickelt den Außendienst weiter.

Vom Informationsübermittler zum Gesprächspartner.

Vom Präsentieren zum Aktivieren.

Von Produktargumenten zu relevanten Beratungssituationen.

Und von der einmaligen Schulung zu einem Lernprozess, der näher am realen Apothekenalltag liegt.

Fazit: Gute OTC-Beratung beginnt nicht beim Produkt

Produktwissen bleibt die Grundlage. Aber eine gute Beratung entsteht erst dort, wo dieses Wissen auf die Situation eines konkreten Menschen trifft.

Gerade deshalb lohnt es sich für OTC-Pharmaunternehmen, Außendienstentwicklung breiter zu denken.

Bedarfsermittlung, Fragenkompetenz, verständliche Nutzenkommunikation, aktives Zuhören, praxisnahe Schulungsmethoden und ein sicherer Umgang mit den Grenzen der Selbstmedikation gehören zusammen.

Ein Außendienst, der diese Kompetenzen beherrscht, kann Apothekenteams anders unterstützen.

Nicht mit noch mehr Informationen.

Sondern dabei, vorhandene Informationen im richtigen Moment sinnvoll einzusetzen.

Genau darin kann der Unterschied zwischen einer klassischen Produktschulung und einer nachhaltigen Entwicklung von Beratungskompetenz liegen.

OTC-Außendienst gezielt weiterentwickeln

PROVECO entwickelt individuelle Trainingskonzepte für Pharma-Außendienstteams und Führungskräfte. Im Mittelpunkt stehen reale Situationen aus dem Arbeitsalltag, konkrete Gesprächsanforderungen und der Transfer in die Praxis.

Für OTC-Unternehmen kann daraus beispielsweise ein Trainingskonzept entstehen, das Produktwissen mit Bedarfsermittlung, Fragenkompetenz, verständlicher Nutzenkommunikation und der Durchführung kurzer, aktivierender Apothekenschulungen verbindet.

So wird aus Produktwissen Beratungskompetenz und aus einer Schulung ein Werkzeug für den täglichen Apothekenkontakt.

Quellen und fachliche Grundlagen

  • Pharma Deutschland: Civey-Befragung „Selbstmedikation ist Verantwortung, nicht Selbstbedienung – Apotheke bleibt Vertrauensort Nummer eins“, veröffentlicht am 23. September 2026.
    Zur Quelle
  • ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände: Informationen zur Selbstmedikation.
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  • Bundesapothekerkammer: Leitlinie und Kommentar „Information und Beratung des Patienten bei der Abgabe von Arzneimitteln – Selbstmedikation“.
    Zur Quelle
  • Apothekenbetriebsordnung, § 20 Information und Beratung.
    Zur Quelle
  • Eickhoff C., Hämmerlein A., Griese N., Schulz M.: Nature and frequency of drug-related problems in self-medication in daily community pharmacy practice in Germany.
    PubMed
  • Seubert L. J. et al.: Interventions to enhance effective communication during over-the-counter consultations in the community pharmacy setting: A systematic review.
    PubMed
  • van Eikenhorst L., Salema N.-E., Anderson C.: A systematic review of the role of the pharmacist in consultations and sales of non-prescription medicines in community pharmacy.
    PubMed
  • Wali H. et al.: A systematic review of interventions to improve medication information for low health literate populations.
    PubMed

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